Zeugnis der Wahrheit oder Streben nach Einheit? Überlegungen im Blick auf Sinn und Ziel zwischenkirchlicher Dialoge

Zeugnis der Wahrheit oder Streben nach Einheit? Überlegungen im Blick auf Sinn und Ziel zwischenkirchlicher Dialoge

Dr. Johannes Oeldemann,
Paderborn

Zunächst darf ich mich bei den Veranstaltern der XII. Internationalen „Uspenskie Čtenija“ ganz herzlich für die Einladung bedanken, mich mit einem Vortrag an den Reflexionen über das Konferenzthema zu beteiligen. Im Mittelpunkt der diesjährigen Konferenz steht das Zeugnis der Christen – ein Thema, das schon in der Alten Kirche von zentraler Bedeutung war und heute zu Recht erneut in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Bei aller Unterschiedlichkeit der historischen Umstände in den ersten christlichen Jahrhunderten und im 20./21. Jahrhundert lassen sich doch auch Parallelen ziehen: Das persönliche Glaubenszeugnis war in der frühen Christenheit entscheidend für die Verbreitung des Evangeliums und gewinnt in heutiger Zeit erneut an Bedeutung. Die Sendung der Kirche, ihre „Mission“ in der Welt hängt ab von der Glaubwürdigkeit der Zeugen des Evangeliums. Dieses persönliche Zeugnis war in der frühen Christenheit und ist in der heutigen Welt erneut mit erheblichen Risiken verbunden. Die zahlreichen Glaubensmärtyrer des 20. und 21. Jahrhunderts lassen erahnen, dass die Verfolgung der Christen in manchen Regionen der Welt ähnliche Ausmaße angenommen hat wie in der Zeit des Römischen Reiches. Und auch dort, wo es nicht zu einer offenen Verfolgung von Christen kommt, stehen die Gläubigen und ihre Hirten in vielen Ländern, in denen der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich in einer „Volkskirche“ gelebt wird, vor der Herausforderung, gegenüber einem säkularen Umfeld Rechenschaft zu geben über den Glauben, der sie trägt und erfüllt. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15) – diese Aufforderung des Apostels Petrus ist heute aktueller denn je.

Die christlichen Kirchen reagieren sehr unterschiedlich auf die neuen Herausforderungen für die Verkündigung des Evangeliums. Während die protestantischen Kirchen dazu neigen, sich die Mittel und Methoden der modernen Welt anzueignen, um den Glauben der Christen den Menschen von heute nahezubringen, tendieren Orthodoxe und Katholiken eher dazu, den bleibenden Wert kirchlicher Traditionen zu betonen und diesen in Liturgie und Katechese zu vermitteln. Allerdings sollten wir uns hüten, die verschiedenen Kirchen sogleich in bestimmte „Schubladen“ einzusortieren: „Progressive“ Protestanten, die sich der Welt angleichen, auf der einen Seite – und „konservative“ Orthodoxe und Katholiken, die sich von der Welt abgrenzen, auf der anderen Seite. Ein solches „Schubladendenken“ wird der Wirklichkeit nicht gerecht – denn schließlich gibt es auch viele Protestanten, die ein eher konservatives Weltbild vertreten (ich erinnere nur an bestimmte evangelikale Strömungen), und es gibt auch Orthodoxe und Katholiken, die gerne und intensiv die Mittel und Methoden der modernen Welt nutzen, um das Evangelium zu verbreiten (z.B. über das Internet oder durch „Events“ wie die Weltjugendtage der katholischen Kirche). Ich will in meinem Vortrag nicht die Vor- und Nachteile des einen oder anderen Weges zur Verkündigung des Evangeliums erörtern. Gestatten Sie mir vielmehr, dass ich als katholischer Theologe, der sich seit vielen Jahren im innerchristlichen Dialog engagiert, ein wenig der Frage nach Sinn und Ziel der Gespräche zwischen den Kirchen nachgehe und versuche, daraus Schlussfolgerungen im Blick auf das Zeugnis der Christen in der heutigen Welt zu ziehen.

Wenn man fragt, worum es in der Ökumene, d.h. im Dialog zwischen den Kirchen geht, so lautet die Antwort meist kurz und knapp: Es geht um die Einheit der Christen. Diese Einheit ist ein Wesensmerkmal der Kirche und zählt zu den vier Attributen, die alle Christen mit den Worten des Glaubensbekenntnisses von Nizää-Konstantinopel bekennen: Wir glauben an „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Die Einheit der Kirche ist also nicht etwas Sekundäres, um das wir uns bemühen sollten, es aber auch sein lassen könnten, ohne dem Glauben zu schaden. Vielmehr muss die Sorge um die Einheit der Kirche ein zentrales Anliegen aller sein, die die Worte des Glaubensbekenntnisses aufrichtig sprechen. Das Streben nach der Einheit aller Christen wurde im 20. Jahrhundert zu einem Motor der Ökumenischen Bewegung. Auch wenn ich weiß, dass das Wort „ökumenisch“ im Russischen durch die Verquickung der kirchlichen Einheitsbemühungen mit dem Bestreben der kommunistischen Machthaber, ihre Kirchenpolitik vor den Augen des Westens zu vertuschen, weithin diskreditiert ist, darf das ökumenische Anliegen als solches nicht verurteilt werden, weil es zutiefst mit dem Wesen des christlichen Glaubens verbunden ist. Obwohl also im Prinzip Einigkeit darüber besteht, dass es in der Ökumene um die Einheit der Kirche geht, gibt es dennoch in den verschiedenen Kirchen recht unterschiedliche Sichtweisen über das Wesen dieser Einheit und damit auch über das Ziel des ökumenischen Weges.

Unterschiedliche Perspektiven der Kirchen

Im Raum der protestantischen Kirchen hat sich in den letzten Jahrzehnten weitgehend das Modell einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ durchgesetzt. Dieses Modell geht davon aus, dass die verschiedenen Konfessionen legitime Entfaltungen des christlichen Glaubens sind, die alle ihren Ursprung in der Alten Kirche haben. Aus den gemeinsamen Ursprüngen haben sich – nicht nur aus theologischen Gründen, sondern auch aufgrund äußerer Einflüsse – unterschiedliche Traditionen entwickelt, die als Triebe am Weinstock der Kirche auch legitim sind. Das Ziel des ökumenischen Dialogs besteht demzufolge darin, die Legitimität der verschiedenen Traditionen darzulegen und auf diese Weise zu einer „versöhnten Verschiedenheit“ zu gelangen, in der die einzelnen Kirchen einander als Kirchen anerkennen. Aufgrund dieser gegenseitigen Anerkennung können protestantische Kirchen offiziell erklären, dass sie in „Kirchengemeinschaft“ stehen, was dann auch in gemeinsamen Abendmahlsfeiern zum Ausdruck gebracht wird.

Die katholische Kirche spricht im Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils von der „Wiederherstellung der Einheit aller Christen“ als einer der „Hauptaufgaben“ des Konzils (UR 1). Obwohl Christus „eine einige und einzige Kirche gegründet“ habe, „erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen“ (ebd.). Die Spaltung der Christen widerspricht nach Überzeugung der Konzilsväter „ganz offenbar dem Willen Christi“, ist ein „Ärgernis für die Welt“ und „ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums“ (ebd.). Daher fordern sie die katholischen Gläubigen auf, „mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilzunehmen“, um „zu jener Fülle der Einheit zu gelangen, die Jesus Christus will“ (UR 4). Typisch für das katholische Konzept ist die Unterscheidung zwischen der „Fülle“, die in der katholischen Kirche als gegeben gesehen wird, und dem „Mangel“, der den anderen christlichen Gemeinschaften anhaftet. Auch wenn „vollkommene Einheit“ damit nur in der katholischen Kirche gegeben ist, stehen die anderen Christen dennoch „in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“ (UR 3). Diese bereits bestehende Gemeinschaft unter den Christen wird mit dem Empfang der Taufe begründet, die das Konzil als „sakramentales Band der Einheit“ (UR 22) bezeichnet. Aus katholischer Sicht ist somit die Einheit der Kirche zwar in der katholischen Kirche bewahrt; sie ist jedoch unvollkommen, solange getaufte und gläubige Christen außerhalb der katholischen Kirche leben. Die Wiederherstellung der vollkommenen und sichtbaren Einheit aller Christen ist daher das Ziel der Ökumene aus katholischer Sicht.

Wie aber könnte man dieses Ziel aus orthodoxer Sicht beschreiben? Hier stehen wir zunächst vor dem Problem, dass es auf orthodoxer Seite seit Jahrhunderten kein Konzil mehr gegeben hat, das sich zu dieser Frage hätte äußern können. Man kann also nur auf Äußerungen einzelner orthodoxer Theologen zur Frage der Einheit der Kirche verweisen, was hier jedoch aus Zeitgründen nicht möglich ist. Oder man kann sich auf das bislang einzige panorthodoxe Dokument beziehen, das zu dieser Frage Stellung nimmt. Es handelt sich dabei um eine Beschlussvorlage für das schon seit Jahrzehnten angestrebte Panorthodoxe Konzil, die von der III. Vorkonziliaren Panorthodoxen Konferenz 1986 in Chambésy verabschiedet wurde. Der Text unter der Überschrift „Die Beziehungen der Orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt“ verleiht der Überzeugung Ausdruck, dass die Orthodoxe Kirche durch die theologischen Dialoge „allen, die sich außerhalb ihrer Grenzen befinden, ein dynamisches Zeugnis ihrer geistlichen Schätze gibt“.[1] Das Ziel des Dialogs sei „die Einheit im rechten Glauben und in der Liebe“[2], wobei die Orthodoxe Kirche der Überzeugung ist, „Träger und Zeuge des Glaubens und der Tradition der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche zu sein“[3], wie das von derselben Panorthodoxen Konferenz verabschiedete Dokument „Orthodoxe Kirche und ökumenische Bewegung“ unterstreicht. Dieses zweite Dokument geht stärker auf die Bedenken der Gegner des ökumenischen Engagements ein und unterstreicht dementsprechend, dass die Orthodoxe Kirche „auf keinen Fall die Idee der ‚Gleichheit der Konfessionen’“ akzeptiere, sondern „trotz ihrer Beteiligung am ÖRK ihrer Ekklesiologie, der Identität ihrer inneren Struktur und der Lehre der ungeteilten Kirche treu“[4] bleibe. Die Teilnahme der Orthodoxen an der ökumenischen Bewegung widerspreche daher „keineswegs der Natur und Geschichte der Orthodoxen Kirche“, sondern sei „vielmehr Ausdruck des apostolischen Glaubens … in einer Zeit mit neuen geschichtlichen Bedingungen und neuen existenziellen Fragen“.[5] Die panorthodoxen Dokumente erkennen somit die veränderte Situation der Christenheit im 20. Jahrhundert an und nehmen die Gegebenheit einer kirchlichen Pluralität zum Anlass, für ein glaubwürdiges Zeugnis des orthodoxen Glaubens im Kontext der ökumenischen Bewegung zu werben.

Diese Einstellung spiegeln auch offizielle Erklärungen einzelner Patriarchate aus jüngerer Zeit wider. Zu den wichtigsten Stellungnahmen zählt sicherlich das im August 2000 von der Bischofssynode der Russischen Orthodoxen Kirche verabschiedete Dokument „Grundlegende Prinzipien der Beziehung der Russischen Orthodoxen Kirche zu den Nicht-Orthodoxen“.[6] Dieser Text unterstreicht einerseits sehr deutlich, dass die Orthodoxe Kirche die wahre Kirche Christi ist (1.1, 1.17) und es daher vorrangige Aufgabe der Orthodoxen sei, „in den Beziehungen mit den Nicht-Orthodoxen ein beständiges und unermüdliches Zeugnis abzulegen, das dazu führt, die Wahrheit, die in der Überlieferung ausgedrückt wird, zu entdecken und anzunehmen“ (3.1). Andererseits betont der Text aber auch: „Das Zeugnis kann kein Monolog sein – es setzt ein Zuhören und eine Gemeinschaft voraus. Der Dialog bedarf zweier Seiten, der gegenseitigen Offenheit für eine Gemeinschaft, der Bereitschaft zum Verständnis, nicht allein ‚offene Ohren’, sondern auch ‚ein weites Herz’ (2 Kor 6,11)“.[7] Die Aussagen dieses Dokuments sind vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung der Bischöfe mit orthodoxen Fundamentalisten zu lesen, die der Hierarchie aufgrund ihres Engagements in der Ökumene „Verrat an der Orthodoxie“ vorwerfen. Das Dokument verteidigt das orthodoxe Engagement in der Ökumene, indem es die Treue zur eigenen Tradition unterstreicht, und will damit die Tür für die Fortführung des ökumenischen Dialogs mit den anderen christlichen Konfessionen offen halten.[8]

Noch stärker als in Russland formieren sich die Gegner des ökumenischen Engagements in den letzten Jahren in der griechischsprachigen Orthodoxie. So wurde von einem Konvent orthodoxer Priester und Mönche in Griechenland im April 2009 ein „Glaubensbekenntnis gegen den Ökumenismus“ formuliert, das nach seiner Veröffentlichung im Internet zahlreiche Unterstützer fand.[9] Die öffentliche Debatte über dieses Pamphlet war offenbar der Anlass dafür, dass das Ökumenische Patriarchat in einer Enzyklika zum Sonntag der Orthodoxie am 21. Februar 2010 ein deutliches Plädoyer für die Fortsetzung des ökumenischen Dialogs formuliert hat. Die Enzyklika betont zunächst die Einheit der Orthodoxen Kirche und die Notwendigkeit, wie die Kirchenväter in einen Dialog mit der geistigen Umwelt zu treten, um den christlichen Glauben zu verkünden. Die Folgerung der Enzyklika lautet: „Eben diesen Dialog mit der Außenwelt fortzuführen, ist die Orthodoxie auch heute berufen, um wiederum ihr Zeugnis zu geben und damit zugleich auch den Leben spendenden Atem des Glaubens zu verbreiten. Dieser Dialog kann aber nicht zu denen, die draußen sind, gelangen, wenn er nicht zuerst von denen getragen wird, die den Namen ‚Christen’ tragen. Es ist notwendig, dass zunächst wir Christen miteinander sprechen und unsere Differenzen ausräumen, damit unser Zeugnis gegenüber der Außenwelt glaubwürdig sei.“[10] Mit scharfen Tönen reagiert die Enzyklika auf die Vorwürfe der orthodoxen Fundamentalisten und warnt vor Fanatismus und Exklusivitätsansprüchen. Abschließend unterstreicht der Text: „Wer glaubt, dass die Orthodoxie die Wahrheit habe, fürchtet sich nicht vor dem Dialog, denn die Wahrheit wurde noch nie durch den Dialog in Gefahr gebracht.“[11] Zusammenfassend bleibt somit festzuhalten, dass die Orthodoxe Kirche im ökumenischen Dialog das Ziel verfolgt, Zeugnis für die Wahrheit zu geben, wobei die Frage, in welcher Form dieses Zeugnis am besten gegeben werden sollte, innerorthodox nach wie vor umstritten ist.

Gemeinsames Zeugnis als Ausdruck des Strebens nach Einheit

Wie aber verhält sich nun das orthodoxe Konzept des ökumenischen Dialogs, Zeugnis für die Wahrheit zu geben, zur Zielsetzung aller ökumenischen Bemühungen, dem Streben nach Einheit? Werden die Einheitsbemühungen nicht konterkariert, wenn es einem der Gesprächspartner einzig und allein darum geht, die anderen Christen von der Wahrheit seiner Lehre zu überzeugen? In der Tat bestünde diese Gefahr, wenn eine bestimmte theologische Lehre mit „der Wahrheit“ identifiziert wird. Fundamentalistische orthodoxe Kreise neigen dazu, ihre jeweiligen Positionen mit dem „wahren Glauben“ gleichzusetzen. Ein solcher, die eigene Meinung verabsolutierender Wahrheitsanspruch widerspricht jedoch zutiefst dem Selbstverständnis der orthodoxen Tradition. Gerade die östlichen Kirchenväter haben immer wieder den apophatischen Grundzug der Theologie betont: Jedes menschliche Reden über Gott vermag das Geheimnis des Glaubens nur unvollkommen zum Ausdruck zu bringen. Damit steht auch jede theologische Konzeption unter einem „apophatischen Vorbehalt“. Wenn die Orthodoxe Kirche daher im ökumenischen Dialog für sich beansprucht, „Zeugnis für die Wahrheit“ zu geben, kann und darf es dabei nicht um eine bestimmte theologische Lehre gehen, sondern einzig und allein um die Wahrheit des Evangeliums, die in der Heiligen Schrift bezeugt, von den Kirchenvätern zum Ausdruck gebracht und in der Tradition der Kirche bewahrt wird.

Ohne Zweifel birgt das Grundmotiv des Zeugnisgebens für die Wahrheit die Gefahr eines Monologs in sich, bei dem die Orthodoxen den anderen Kirchen einzig und allein ihre Sicht der Wahrheit vermitteln wollen. Zu Recht mahnen daher die orthodoxen Wortführer in der ökumenischen Bewegung, dass dieses Postulat als Ausgangspunkt für einen Dialog nur dann Sinn macht, wenn man bereit ist anzuerkennen, dass die Wahrheit nicht an bestimmten theologischen Formulierungen, liturgischen Ritualen und anderen menschlichen Traditionen festgemacht werden kann.

Auf der anderen Seite erinnert die orthodoxe Position daran, dass es bei jeglichem Tun und Sprechen der Christen darum geht, Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums abzulegen. Damit bietet die orthodoxe Konzeption auch eine Chance für den ökumenischen Dialog, denn sie erinnert uns daran, dass der ökumenische Dialog kein Selbstzweck ist. Nach Joh 17,21 sollen die Christen sich um die Einheit bemühen, „damit die Welt glaubt“. Viel zu oft standen binnenkirchliche Fragen im Fokus der ökumenischen Dialoge, während die Beziehungen der Kirche zur Welt und damit die Dimension der Mission außen vor blieben. Wenn der Grundsatz, im ökumenischen Dialog Zeugnis für die Wahrheit zu geben, die am Dialog beteiligten Theologen immer wieder an die zentrale Aufgabe der gemeinsamen Verkündigung des Evangeliums erinnert, dann liegt darin ein zukunftsweisender Aspekt des orthodoxen Engagements in der ökumenischen Bewegung.

Das Bemühen um ein gemeinsames Zeugnis der Christen in der Mission war eine der wichtigsten Antriebskräfte der Ökumene. Die Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 gilt in der westlichen Christenheit als Geburtsstunde der modernen ökumenischen Bewegung. Damals hatte man vor allem die Mission unter Nichtchristen im Blick, deren Glaubwürdigkeit unter der Tätigkeit konkurrierender Missionsgesellschaften litt. Gut hundert Jahre später hat sich die Situation grundlegend gewandelt. Wenn heute von Mission die Rede ist, dann geht es nicht mehr um die Bekehrung „heidnischer“ Völker zum Christentum, sondern um die Bezeugung des Evangeliums in einer weithin säkularen Welt. In vielen traditionell christlich geprägten Ländern lässt sich eine zunehmende „Entkirchlichung“, eine Entfremdung von der Kirche beobachten: Glaube gilt als „Privatsache“ und wird zwar toleriert, aber nicht mehr gemeinschaftlich praktiziert. Man spricht von der „Verdunstung“ des Glaubens. Andererseits gibt es aber auch gegenläufige Tendenzen: ein neues Interesse an Religiosität und Spiritualität, das die danach Suchenden jedoch keineswegs automatisch zu einer der christlichen Kirchen führt.

Vor diesem Hintergrund ist „Mission“ heute nicht mehr ein Begriff, bei dem man zunächst an Missionsstationen im unzugänglichen Urwald denkt. Auch in den christlich geprägten Ländern Europas sind Zeugnis und Mission am Beginn des 21. Jahrhunderts dringend notwendig. Da der Begriff „Mission“ jedoch durch die enge Verquickung der westlichen Missionare mit der Kolonisierung belastet ist, sprechen Katholiken im Blick auf die Verkündigung des Evangeliums in bereits christianisierten Völkern eher von „Neuevangelisierung“. Papst Benedikt XVI. hat die Neuevangelisierung zu einem der Schwerpunkte seines Pontifikats gemacht. Er hat einen eigenen „Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung“ gegründet und aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils ein „Jahr des Glaubens“ ausgerufen, das ebenfalls einen Beitrag zur Erneuerung und Vertiefung des Glaubens in der Kirche leisten soll.

Auch wenn das Anliegen in anderen Kirchen nicht unter der Überschrift „Neuevangelisierung“ thematisiert wird, ist doch unverkennbar, dass die Verkündigung des Evangeliums in einer weithin säkularisierten Gesellschaft eine Herausforderung ist, vor denen die christlichen Kirchen heute gemeinsam stehen. Das Zeugnis der Christen wird dabei umso glaubwürdiger, je mehr es ihnen gelingt, miteinander und nicht gegeneinander als Zeugen der Botschaft Jesu Christi aufzutreten. Bei der Verkündigung dieser „frohen Botschaft“, des Evangeliums, an den modernen Menschen rücken die Differenzen in ekklesiologischen oder anderen dogmatischen Fragen in den Hintergrund. Das gemeinsame Zeugnis der Christen erfordert schlicht, Räume der Begegnung und des Dialogs zu schaffen, in denen Menschen, die auf der Suche nach religiöser Orientierung sind, auf Christen treffen, die ihnen zuhören, von ihrem Glauben erzählen und so Zeugnis ablegen für Christus und die Gemeinschaft der Christen. Wenn dies in ökumenischer Zusammenarbeit geschieht, wird unser Zeugnis vor der Welt nicht nur glaubwürdiger, sondern ist zugleich Ausdruck unseres Strebens nach der Einheit aller Christen. Das Zeugnis der Wahrheit und das Streben nach Einheit sind somit keine einander widersprechende Konzepte des zwischenkirchlichen Dialogs, sondern können sich vielmehr gegenseitig bereichern.



[1] A. Basdekis (Hg.), Orthodoxe Kirche und ökumenische Bewegung, 379.

[2] Ebd.

[3] Ebd., 387.

[4] Ebd., 389.

[5] Ebd., 388.

[6] Eine (auszugsweise) deutsche Übersetzung dieses Dokuments ist publiziert in: Ökumenische Rundschau 50 (2001) 210-215.

[7] Ebd., 214.

[8] Vgl. J. Oeldemann, An der Schwelle zu einem vertieften Dialog. Eine Stellungnahme zur „Ökumene-Erklärung“ der Bischofssynode der Russischen Orthodoxen Kirche vom August 2000, in: Ökumenische Rundschau 50 (2001) 178-190.

[9] A Confession of Faith against Ecumenism, im Internet publiziert unter www.impantokratoros.gr.

[10] Enzyklika des Ökumenischen Patriarchats zum Herrentag der Orthodoxie, in: Orthodoxie aktuell 14 (2010) Nr. 3, 17-19, hier 17.

[11] Ebd., 18.