DAS ZEUGNIS FÜR DIE ORTHODOXIE IN DER ZEIT DES SOWJETISCHEN TERRORS

DAS ZEUGNIS FÜR DIE ORTHODOXIE IN DER ZEIT DES SOWJETISCHEN TERRORS

Karl Christian Felmy

1. Das Zeugnis des Gottesdienstes

Bekanntlich war in der sowjetischen Zeit seit 1929 das Leben der Kirchen und Religi­onsgemeinschaften aufs stärkste beschränkt. Nach Artikel 52 der sowjetischen Verfas­sung von 1988 wurde den Bürgern »Gewissensfreiheit zuerkannt, d.h. das Recht, eine beliebige Religion zu bekennen und religiöse Kulte auszuüben oder keinerlei Religion zu bekennen und atheistische Propaganda zu führen«.[1] Entsprechendes hatte schon Artikel 124 der Verfassung der UdSSR von 1936 festgelegt.[2] Damit war offiziell seit 1936, faktisch aber bereits seit Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jh.s das ganze Leben der Russischen Orthodoxen Kirche auf den Vollzug der Gottesdienste beschränkt ge­wesen. Wenn solche Beschränkung und Eingrenzung der Orthodoxie in Rußland auch aufgezwungen war und keineswegs dem traditionellen orthodoxen Selbstverständnis entsprach, so hat die Orthodoxe Kirche in Rußland mit dieser Einschränkung doch überleben können. Sie wäre noch stärker aus der Zeit der Bedrängnis herausgegangen, wenn wenigstens die durch die Verfassung gewährten Rechte zum Vollzug des Gottes­dienstes nicht millionenfach mißachtet worden wären, so daß es mindestens bis zum Jahre 1987 äußerst riskant blieb, das von der Verfassung garantierte Recht auf das gottesdienstliche Leben auszuüben. Immerhin gab es ein, wenn auch vielfach einge­schränktes gottesdienstliches Leben, so daß Metropolit Nikodim (Rotov; 1929-1978) den Gottesdienst, speziell die Göttliche Liturgie, gelegentlich als »unsere Burg« be­zeichnet hat,[3] die Bastion der Kirche, von der aus sie ihren Bestand weithin wahren und ihr geistliches Leben erneuern konnte. Erzpriester Sergij Bulgakov hat in seinem Buch »Filosof˙ä xozяjstva« (Philosophie der Wirtschaft) geschrieben: »In einer Epoche des Niedergangs des dogmatischen Selbstbewußtseins, in der die Religion immer häu­figer auf Ethik reduziert wird, lediglich verziert mit pietistischen ›Erlebnissen‹, ist es besonders wichtig, die ontologische und kosmologische[4] Seite des Christentums her­auszustellen«.[5] Das wurde im Jahre 1912 geschrieben. Seit den 60er Jahren ist diese Versuchung der Reduktion des Christentums auf die Ethik, verziert mit pietistischen »Erlebnissen« im Abendland stark gewachsen. Mit ihren in der Verfolgung gefeierten Gottesdiensten hat die Orthodoxe Kirche in der Zeit der Verfolgungen deutlich auf die »ontologische und kosmologische Seite« des christlichen Glaubens verwiesen und deutlicher als die im Wohlstand lebenden Kirchen des Abendlandes bezeugt, daß der Mensch nicht vom Brot allein (Mt 4,4) lebt. Bei meinen Besuchen in Rußland in jenen Jahren ist mir dies immer wieder aufgefallen.

2. Das Zeugnis der Bekenner des Glaubens

Verzeihen Sie, daß zunächst ich von einigen persönlichen Erinnerungen sprechen wer­de. Über Erfahrungen aus der Zeit der Verfolgungen der 30er Jahre verfüge ich, Gott sei Dank, nicht. Aber am Ende meines Studiums, als ich mich wissenschaftlich für die Orthodoxie zu interessieren begann, erfuhr ich von der Verschärfung der Lage der Kirchen in der Sowjetunion unter Nikita Chruščev und der relativen Milderung, die nach ihm erfolgte, ohne daß wesentliche Veränderungen in der Beziehung zur Kirche wahrnehmbar geworden wären. Im Jahre 1970 flog ich zum ersten Mal in die Sowjet­union. Inzwischen hatte ich meine Doktor-Dissertation[6] über ein Thema aus dem Be­reich der russischen Theologiegeschichte abgeschlossen und verteidigt. Im Flugzeug fiel mir ein russischer Priester auf, den ich ein Jahr später auf einem Gespräch zwi­schen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutsch­land wieder sah und sofort erkannte: Professor Erzpriester Liverij Voronov (1914-1995).[7] Er hielt einen der besten Vorträge der damaligen Gesprächsrunde zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland.[8] Da er sehr gewissenhaft und gründlich war, wandte er sich gegen die allzu schnelle Verab­schiedung gemeinsamer Thesen am letzten Tage der Konferenz. Dabei geriet in eine Auseinandersetzung mit der Leitung der russischen Delegation. Die Streitigkeiten wa­ren so ernsthaft, daß erwartet werden konnte, daß er bei den nächsten Gesprächsrunden nicht mehr teilnehmen würde. Am Abend waren wir zu Gast bei einem prominenten Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland und saßen in einem Raum, in dem man mit irgendwelchen »Wanzen« nicht rechnen mußte. Da erzählte mir Vater Liverij, noch unter dem Eindruck der Aufregungen des vergangenen Tages, daß er zehn Jahre in einem sowjetischen Lager verbracht und wie er damals im Lager die heilige Kommunion empfangen habe. Einen der sowjetischen Aufseher hatte er dazu bewogen, die eucharistischen Gaben an ihn weiterzuleiten: »Für Sie ist es nur ein Stück Brot, aber für mich ist es der Himmel«. Ich habe damals nicht gefragt, warum Vater Liverij zu Lagerhaft verurteilt worden sei. Später erfuhr ich, daß er bei der Pleskauer Mission[9] mitgearbeitet hatte und aufgrund dessen wegen »Kollaboration« mit den deutschen Truppen zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Faktisch war das eine Verurteilung deswegen, weil er die Situation zur Verkündigung des Evangeliums und der Erneuerung des kirchlichen Lebens im Rahmen der Pskover Mission genutzt hat­te.[10] Sein Leben lang blieb Vater Liverij unter dem Schock der langjährigen Lagerhaft. Das drückte sich einerseits darin aus, daß er über die Verfolgung der Kirche durch die sowjetischen Machthaber nicht schweigen konnte und auf einer Pressekonferenz öffentlich erklärte, die Kommunisten verfolgten die Kirche und seien deren Feinde.[11] Auf der anderen Seite war bei ihm bis zum Ende der »Perestrojka« die Furcht vor er­neuter Lagerhaft spürbar.[12] Dafür vertrat er die orthodoxe Dogmatik auf einem Niveau, das angesichts der eingeschränkten Arbeits- und Forschungsmöglichkeiten in sowjeti­scher Zeit im höchsten Maße erstaunlich ist. Ich habe ihn als einen treuen Zeugen Chri­sti und der heiligen Orthodoxie stets verehrt und geliebt.

Ich habe das mir das von Vater Liverij gewährte Vertrauen nicht mißbraucht und zu seinen Lebzeiten niemand von dem Gespräch mit ihm in der Wohnung des rheinländi­schen Synodalen erzählt. Offensichtlich habe ich damals einen vertrauenerweckenden Eindruck gemacht; denn als zwei Jahre nach der Dialogrunde, an der Vater Liverij be­teiligt war, eine neue Dialogrunde zwischen der EKD und der ROK stattfand (diesmal in Zagorsk, wie Sergiev Posad in kommunistischer Zeit genannt wurde). flüsterte mir Protopresbyter Vitalij Borovoj (1916-2008) auf einem Flur im Vorbeigehen zu: «Нам трудно. Молитесь о нас». (Wir haben es schwer: Beten Sie für uns). Vater Vitalij hat­te übrigens die Stellung in Genf erhalten, die sich Vater Liverij durch seine ehrliche, aber unvorsichtige Bemerkung über die Verfolgung der Kirche auf der erwähnten Pres­sekonferenz verscherzt hatte.

Vater Vitalij Borovoj hatte eine besondere Begabung, Dinge auszusprechen, über die »man« damals in der russischen Kirche eigentlich nicht reden durfte. In einem Vortrag an der Universität Erlangen im Jahre 1977 sprach er so offen von den Schwierigkeiten, denen die Russische Orthodoxe Kirche damals ausgesetzt war, daß den Hörern angst und bange wurde. Vorstellen kann man sich solche Offenheit nur mit der Maßgabe, daß Vater Vitalij jedesmal auch irgendetwas sagte, was den »Organen« angenehm zu hören war. Aber wenn das so war, wie ich vermute, dann geschah das nie zu Lasten und zum Schaden der Kirche. Meine Vorgängerin auf meinem Lehrstuhl, Prof. Dr. Fairy v. Lili­enfeld, war einmal zugegen, als Protopresbyter Vitalij Borovoj im Elochovskij Sobor in Moskau eine Predigt bei einer »Passija«[13] hielt, bei der man eine Stecknadel hätte fal­len hören können, weil die Predigt so aktuell war und am Beispiel der unter der Union leidenden orthodoxen Kirche in den westlichen russischen Gebieten eigentlich, unaus­gesprochen von den Leiden der Kirche unter dem Sowjetregime sprach. Das orthodoxe Volk in Weißrußland und der Ukraine habe sich in der Zeit der Entstehung der »Passija« »unter der Gewalt des Katholischen Polen befunden und Verfolgungen um ihrer Nationalität, ihren Glauben erduldet. In dieser Situation habe sich das Volk an den Gekreuzigten Christus gewandt.[14] Der Gottesdienst der Passija gebe Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens. Und diese Antwort liege in den Leiden, die Gott selbst auf sich genommen habe, darin, »daß Christus die Leiden der Menschen geteilt hat und wir Menschen, die an Ihn glauben, unsere Leiden mit Seinen Leiden teilen. Der Apostel sagt: ›Ich bin mit Christus gekreuzigt und schon lebe nicht ich, sondern Chri­stus lebt in mir‹ (Gal 2, 19.20). Diese gänzliche Vereinigung mit Christus setzt die Teilhabe an Seinem Tode voraus, aber auch die Teilhabe an Seiner Herrlichkeit und Seiner Auferstehung«.[15]

Vater Vitalij fuhr fort: »Das Leiden führt nach der Lehre Christi, nach der Lehre der Heiligen Kirche zur Verklärung[16] des Menschen, zur Verklärung der Welt, führt den Menschen, die Kirche auf dem Weg der Herrlichkeit zur Auferstehung und zur Un­sterblichkeit, zum ewigen Leben. Und nur dann erhält das Leiden seinen Sinn und sei­ne Bestimmung, nur dann veredelt und erhebt es den Menschen. Nur dann findet der Mensch in sich die Kraft, alle möglichen Qualen zu ertragen, alle möglichen Schmä­hungen, alle möglichen Verfolgungen. Nur dann können wir gemeinsam mit dem Apo­stel Paulus sagen: ›Wer wird uns scheiden von der Liebe Gottes: Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? wie geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag, sind geachtet wie Schlacht­schafe. Aber dieses alles überwinden wir durch die Kraft Dessen, Der uns geliebt hat‹. Denn niemand ›kann uns scheiden von der Liebe Gottes in Christus Jesus, unserem Herrn‹« (Röm 8, 35-37.39).[17]

Es ist bemerkenswert, daß Protopresbyter Vitalij Borovoj, das Wort »Verfolgung« in dem zitierten Teil dieser Predigt insgesamt dreimal gebraucht hat, zweimal allerdings in Zitaten aus der Hl. Schrift. Im weiteren Verlauf der Predigt begegnet der Begriff noch einige weitere Male, wiederum in Schriftzitaten. Der Gegenwartsbezug dieser Rede vom Leiden wurde vor allem deutlich, als Vater Vitalij hinzufügte: »Am vergan­genen Sonntag haben wir den Triumph der Orthodoxie gefeiert, ungeachtet aller Be­schränkungen, ungeachtet aller Leiden, die Christus und mit Ihm die Kirche Gottes im Verlauf der Jahrhunderte erlitten hat«[18] … »Wir leiden nach dem Vorbild unseres Herrn Jesus Christus. Wir leiden für unsere Sünden. Aber zugleich damit sind wir Trä­ger der Wahrheit Gottes, die die Welt besiegt und besiegen wird«.[19] Rechnet man die Wörter »Leiden« und »Schmähungen« noch hinzu, dann wird deutlich, wie aktuell und riskant diese Predigt war und wie eindeutig und zugleich vorsichtig sie die Anwendung auf die gegenwärtige Lage der Kirche den Hörern überließ. Sie scheinen gespürt zu haben, daß Vater Vitalij sie verstand. Jedenfalls läßt das ihre Reaktion erkennen, folgt man dem Bericht meiner damals anwesenden Lehrerin Fairy v. Lilienfeld.

Protopresbyter Vitalij Borovoj hat nicht zehn Jahre im Lager verbacht wie Erzpriester Liverij Voronov. Doch persönliche Repressionen erlitten hat auch er, z.B. als einmal seine gesamte Bibliothek aus seiner Wohnung abtransportiert wurde, ohne daß er wußte, ob er sie irgendwann einmal wiederbekommen würde oder nicht. Mir sagte er einmal, er wäre lieber Kirchenhistoriker geworden. Doch sein Schicksal war es, Reden für Bischöfe zu schreiben, seine Zeit auf nicht immer nur interessanten ökumenischen Konferenzen zu verbringen und sein ganzes Leben unter Gefahr für Leib und Leben in den Dienst des Zeugnisses für Christus und die hl. Orthodoxie zu stellen.

3. Das Zeugnis der Orthodoxie in der Zeit der stalinschen Kirchenverfolgung Der Märtyrer-Bischof Serafim (Ostroumov)

Schließlich möchte ich einige Worte über einen der zahllosen russischen Märtyrer der sowjetischen Zeit sagen, auf dessen Lebens- und Leidensweg ich im vergangenen Frühjahr mehr oder weniger zufällig gestoßen bin, als ich im Geistlichen Seminar in Smolensk Vorlesungen hielt: Erzbischof Serafim (Ostroumov) von Smolensk und Do­rogobuž. Mehr als wenn ich über einen der bekannteren Märtyrerbischöfe oder über eine so herausragende Märtyrerin wie z.B. die hl. Großfürstin Elizaveta Fedorovna reden würde, werden Sie etwas erfahren über den »Alltag der Verfolgungen« in der Provinz.

Die in den 80er Jahren an meinem Erlanger Lehrstuhl herausgegebene Bio-Bibliogra­phie des Metropoliten Manuil kann bei Erzbischof Serafim – wie bei fast allen Bischö­fen dieser Zeit – für die Jahre, die er unter den Bedingungen der stalinschen Verfolgun­gen gelebt hat, nur äußerst spärliche Daten benennen:[20] »Seit dem 1. November 1927 war er Erzbischof von Smolensk und Dorogobuž. Von November 1936 an leitete er die Eparchie nicht. Er starb im Jahre 1937«.[21]

Über die frühen Jahre des Erzbischofs weiß Metropolit Manuil ein wenig mehr zu be­richten: Der künftige Erzbischof, geboren am 6. November 1880 als Sohn eines Psalm­sängers, beendete im Jahre 1904 seine Ausbildung an der Moskauer Geistlichen Aka­demie mit dem Rang eines Kandidaten der Theologie (was sich ein Stück weit mit einer westlichen Promotion vergleichen läßt) und wurde im selben Jahr noch Mönch und dazu bestimmt, die Funktion eines Dozenten am Lehrstuhl für Theorie und Ge­schichte der Predigt an der Moskauer Geistlichen Akademie auszuüben. Seine Tätig­keit als stellvertretender Abt (namestnik) des stavropijialen Klosters des hl. Onufrij in Jablečno (Eparchie Cholm) wird in der von Metropolit Manuil verfaßten Biographie besonders hervorgehoben. Hier »setzte er all seine Kräfte zu seiner Verschönerung ein, und nach einigen Jahren war das Kloster nicht mehr wiederzuerkennen«.[22] Inzwischen schon im Rang eines Archimandriten, wurde er 1914 Rektor des Geistlichen Seminars in Cholm. 1916 zum Bischof geweiht, leitete er zunächst die Eparchie Cholm, seit 1917 die Eparchie von Orël und Sevsk, 1924 wurde er zum Erzbischof erhoben.

Erzpriester Michail Pol’skij widmet dem Erzbischof in seiner zweibändigen Darstel­lung »Neue russischen Märtyrer« nur eine kurze Notiz, aus der indes hervorgeht, daß er »1936 gefangengesetzt wurde und spurlos verschwand«.[23]

Etwas näher an die Geschichte des Martyriums dieses Hierarchen heran führt eine kur­ze Notiz in der »Kirchengeschichte Rußlands der neuesten Zeit« aus der Feder des Nie­deraltaicher Archimandriten Johannes Chrysostomus (Blaškevič):[24]

»In Smolensk wurde schon ganz zu Anfang der Terrorwelle [von 1936 und 1937] der Erzbischof Serafim (Ostroumov) verhaftet, der den sowjetischen Beschuldigungen zu­folge eine ›Bande von Konterrevolutionären‹ anführte. In Wirklichkeit verhielt sich der Erzbischof Serafim dem Regime gegenüber nicht unloyal; er war ein eifriger Oberhirte und hat seinerseits auch den Mut gehabt, für die kirchliche Sache einzustehen. Das war Grund genug, ihn als Staatsfeind und ›Anführer einer konterrevolutionären Bande‹ ab­zustempeln«.

Mönchspriester Serafim (Amel’čenkov), ein Nachwuchswissenschaftler aus Smolensk, hat für eine Darstellung der Geschichte der »Smolensker Eparchie in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges«, die auch die Jahre nach der Oktoberrevolution bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion behandelt, in den Smolensker Archiven arbeiten können und aufgedeckt, was sich hin­ter den dürren Angaben der bisher zitierten Literatur verbirgt:[25] Schon gleich nach der Oktoberrevolution wurde Serafim, damals noch Bischof von Orël, mehrfach verhaftet, ein drittes Mal im Jahre 1922 wegen seines Widerstandes gegen die Herausgabe ge­weihter Kirchenschätze. 1926 wurde er aus Orël verbannt und am 1. Januar 1927 Erz­bischof von Smolensk und Dorogobuž. Da die sowjetischen Machthaber nach dem Prinzip »Divide et impera« die von der Russischen Orthodoxen Kirche abgespaltene Bewegung der »Erneuerer« unterstützten und ihnen die ungewöhnlich große, das Stadt­bild prägende Uspenskij-Kathedrale übergeben hatten, diente ihm eine andere Smolen­sker Kirche als Kathedrale, die ihm jedoch im Jahre 1929, dem Beginn einer großan­gelegten Kirchenschließungskampagne, entzogen wurde. Die wesentlich kleinere Kir­che der hll. Apostel Petrus und Paulus, die nun als Kathedrale diente, wurde 1936 ge­schlossen. In der Zwischenzeit hatten übrigens auch die Erneuerer die große Uspenskij Kathedrale verloren, die fortan bis zum Einmarsch der deutschen Truppen als Atheisti­sches Museum diente, so aber wenigstens der Zerstörung entging. Noch konnte Erzbi­schof Serafim seine Hirtentätigkeit in einer kleinen Kirche fortsetzen. Doch am 11. No­vember 1936 wurde er verhaftet.

Bei dem ersten Verhör wurde ihm zur Last gelegt, in konterrevolutionären Predigten den baldigen Untergang der Sowjetherrschaft vorhergesagt zu haben. In einem weite­ren Verhör wurde ihm vorgeworfen, Gläubige dazu angestiftet zu haben, sich der Her­ausgabe von Kirchenschätzen zu widersetzen. Die Zeugin, die diese »antisowjetischen« Äußerungen wiedergab, bekundete in einer weiteren Aussage, der Erzbischof habe gesagt, »daß die Sowjetmacht das orthodoxe Volk bedrängt und die orthodoxe Kirche, die Geistlichkeit und überhaupt die Religion einer Verfolgung unterzieht«.[26] »Wir haben Jahrhundertelang unsere Kirche mit Glocken und verschiedenen Kostbarkeiten ge­schmückt,« soll er gesagt haben, »aber die Sowjetmacht raubt unsere Kirchen aus, zerstört sie und bedrängt das Volk, indem sie ihm Möglichkeit nimmt, in Freiheit zu beten«.[27]

Zwei Tage später wurde die Tendenz dieser Aussagen durch den Hauptgeistlichen der Smolensker Allerheiligen-Kirche bestätigt. Erzbischof Serafim habe ihm in einem Ge­spräch im Juni 1936 gesagt, »daß die Sowjetmacht die Religion und die Geistlichkeit einer Verfolgung unterzieht. Er sagte, daß wenn die Geistlichkeit und das Volk keinen Kampf zur Rettung der Kirche und der Heimat vor der Bedrückung und und den An­griffen der Bol’ševiki führen werden, dann haben wir unter der Sowjetmacht kein bes­seres Leben zu erwarten. Gleichzeitig wies er darauf hin, daß die Sowjetmacht nicht ewig sei und bald eine Zeit kommen werde, in der es möglich sein wird, die Tätigkeit der Kirche frei zu entfalten und zu verwirklichen. Zur Frage der Kirchenschließungen und der Abnahme der Glocken, sagte er, daß sei Gewalt und Willkür der Sowjet­macht«. Überdies habe er der Bevölkerung davon abgeraten, in die Kolchosen einzu­treten.[28]

Die Beschuldigungen gegen den Erzbischof sind vor allem darin so infam, daß es ja nicht erstaunlich gewesen wäre, wenn dieser all das, was ihm vorgeworfen wurde tat­sächlich auch gesagt hätte. Die Kirche wurde von dem ihr gegenüber von Anfang an feindlich eingestellten Sowjetmacht verfolgt. Immer wieder konnte aber auch der ge­schlossene Protest von Priestern und Laien Verfolgungsmaßnahmen verhindern oder wenigstens aufhalten. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn der Erzbischof zur Verteidigung der Kirchen und ihrer geweihten Schätze aufgerufen hätte. Proteste blie­ben zwar meist, aber doch nicht immer ohne Wirkung. Ferner: welcher Gläubige wird nicht auf ein Ende der Sowjetmacht gehofft haben! Und schließlich ist sehr bald deut­lich geworden, daß keine Maßnahme so stark zur Entkirchlichung der Massen beige­tragen hat wie die Kollektivierung der Landwirtschaft. Ein Aufruf, dem Beitritt zum landwirtschaftlichen Kollektiv, auszuweichen, wäre verständlich. Dennoch stritt Erz­bischof Serafim alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe ab. Augenscheinlich war er zu klug und zu verantwortungsbewußt, um seine Arbeit durch Unvorsichtigkeiten über die Maßen zu gefährden. Daß er hier nicht log, beweist die Tatsache, daß die Zeugen ihre offenbar unter Druck gemachten Aussagen gegen ihn später zurücknahmen. So konnte er sogar noch in sowjetischer Zeit rehabilitiert werden.[29] Doch war es da für ihn bereits zu spät. Erzbischof Serafim war zunächst zu fünf Jahren Konzentrationslager verurteilt worden. Aufgrund dieser neuen Anschuldigungen[30] wurde er zum Tode verurteilt und am 8. Dezember 1937 um 18 Uhr im Wald von Katyn’ erschossen.

So wurde die Russische Orthodoxe Kirche in den Jahren nach der Oktoberrevolution nicht nur auf äußerst brutale Weise verfolgt. Vielmehr mußte sie bis weit in die 80er Jahre des 20. Jh.s die grausamen Verfolgungen abstreiten und so ihre eigenen Märtyrer verleugnen, um zu erreichen, daß irgendwie noch kirchliches Leben stattfinden konnte. Betrüblicher Tiefpunkt dieser der Kirche zynisch auferlegten Selbstverleugnung ist das schreckliche, 1942 vom Moskauer Patriarchat herausgegebene Buch »Die Wahrheit über die Religion in Rußland«,[31] in dem alle Verfolgungen der Kirche rundweg abge­stritten wurden. In dem Exemplar meines früheren Lehrstuhls hat ein früherer Besitzer das Wort »Wahrheit« [правда] im Titel durchgestrichen und durch das Wort »Lüge« [ложь] ersetzt.

Die Wahrheit hat dennoch gesiegt. Neben vielen tausend Märtyrern ist auch Erzbischof Serafim (Ostroumov) am 17. Juli 2001 von der Russischen Orthodoxen Kirche dem »Chor der Heiligen zugezählt und einbeschlossen worden in die Versammlung der Heiligen Russischen Neomärtyrer und Bekenner«. Der Tag seines Martyriums, seines Zeugnisses für Christus und die heilige Orthodoxie (25. November/ 8. Dezember) wurde zu seinem Gedenktag bestimmt, »an dem die Kirche sein heiliges Gedächtnis ehrt«.[32]


[1]     Konstituciä (Osnovnyj Zakon) Soüza Sovetskix Socialistiçeskix Respublik, in: Izvestiä Deputatov Trudäwixsä SSSR, 4.6.1977, 1-5.

[2]     Kirche und Staat in der Sowjetunion. Gesetze und Verordnungen. Hg. Robert Stupperich, Witten 1962, 29.

[3]     K.Ch. Felmy/ Fairy v. Lilienfeld, In memoriam Metropolit Nikodim von Leningrad und Novgorod, in: KO 1978/79, 292-301, 296.

[4]     Hervorgehoben bei Sergij Bulgakov.

[5]     Prot. Serg˙j Bulgakovß, Filosof˙ä xozäjstva, çast´ 1-ä. M˙rß kakß xozäjstvo, Moskva 1912 (Nachdruck 1971), S. III.

[6]     Veröffentlicht unter dem Titel: Predigt im orthodoxen Rußland. Untersuchungen zu Inhalt und Eigenart der russischen Predigt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Göttingen 1972.

[7]     Sväw. Sergij Rasskazovskij, Protoierej Liverij Voronov, in: ˇMP 1996/ 1, 57-59; arxim. Avgustin (Nikitin), Cerkov´ plenennaä. Mitropolit Nikodim (1929-1978) i ego эпоха (в воспоминаниях современников), С.-Петербург 2008, 176-180 u.ö.

[8]     Professor Erzpriester Liverij Voronov, Das Dogma der Auferstehung in der Orthodoxie, in: Der auferstandene Christus und das Heil der Welt. Das Kirchberger Gespräch über die Bedeutung der Auferstehung für das Heil der Welt zwischen Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Russischen Orthodoxen Kirche. Hg. vom Kirchlichen Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Witten 1972, 112-145.

[9]     Eberhard Treulieb, Metropolit Sergij von Riga und die »Orthodoxe Mission in Pleskau«, in: KO 8/ 1965, 55-66.

[10]   Архим. Августин (Никитин), Церковь плененная. Митрополит Никодим (1929-1978) и его эпоха (в воспоминаниях современников), С.-Петербург 2008, 176.

[11]   Архим. Августин 177.

[12]   Архим. Августин 179.

[13]   Die »Passija« ist, ungeachtet der Verwendung traditioneller östlicher Gebetstexte, ein stark westlich geprägter Passionsgottesdienst, bei dem an vier Sonntagen der Großen Fastenzeit die vier Passions-Evangelien gelesen und hymnische Passagen aus den Gottesdiensten der Heiligen und Großen Wo­che gesungen werden.

[14]   Die Predigt ist inzwischen veröffentlicht worden: Протопресвитер Виталий Боровой, Быть свиде­телями Христа. Проповеди, Москва 2006, 23-30.

[15]   Прот. Виталий Боровой, Быть свидетелями Христа 25.

[16]   Im Russischen steht hier das dem griechischen μεταμόρφωσις entsprechende Wort преображение, das auch ›Umgestaltung‹ bedeutet.

[17]   Прот. Виталий Боровой, Быть свидетелями Христа25 f.

[18]   Прот. Виталий Боровой, Быть свидетелями Христа 27.

[19]   Прот. Виталий Боровой, Быть свидетелями Христа 27.

[20]   Metropolit Manuil (Lemeševskij), Die russischen orthodoxen Bischöfe von 1892-1965. Bio-Bi­bliographie von Metropolit Manuil (Lemeševskij), bis zur Gegenwart ergänzt von P. Coelestin Pa­tock OSA, Teil VI, Erlangen 1989 (Oikonomia 26), 66-69.

[21]   Metr. Manuil VI 66.

[22]   Metr. Manuil VI 66.

[23]   Protopresviterß Mixailß Pol´sk˙j, Novye Muçeniki Ross˙jsk˙e. Vtoroj tomß sobran˙ä mater˙alovß, Jordanville 1957, 127; etwas mehr Angaben zur Tätigkeit Erzbischof Serafims in diesem Kloster findet man bei: V.L. Amel´çenkov, Smolenskaä Eparxiä v gody Velikoj Ote­çestvennoj vojny, Smolensk 2006. 51.

[24]   Johannes Chrysostomus [Blaškevič], Kirchengeschichte Rußlands der neuesten Zeit, Bd. II. Das Moskauer Patriarchat ohne Patriarchen 1925-1943, Salzburg 1966, 309.

[25]   Ich folge der oben erwähnten Darstellung von Mönchspriester Serafim: V.L. Amel´çenkov, Smo­lenskaä Eparxiä 53 и сл.

[26]   V.L. Amel´çenkov 55.

[27]   V.L. Amel´çenkov 55.

[28]   V.L. Amel´çenkov 55.

[29]   V.L. Amel´çenkov 59.

[30]   V.L. Amel´çenkov 58 и сл.

[31]   Pravda o religii v Rossii, Moskva: Moskovskaä Patriarxiä 1942.

[32]   V.L. Amel´çenkov, Smolenskaä Eparxiä 59.